Diakonie Münster

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Halbes Huhn klein

 beratungs und bildungs centrum  22.07.2015 / Kultursensible Soziale Schuldnerberatung - Und zum Dank ein halbes Huhn

"Die Soziale Schuldnerberatung steht vor neuen Herausforderungen", davon sind Martina Braese, Bettina Krämer und Marion Lischka, Schuldnerberaterinnen beim Beratungs- und BildungsCentrum der Diakonie Münster, überzeugt.

 

"Wir beobachten in unserer Praxis eine Zunahme von Klienten mit Migrationshin­tergrund. Dieser Trend wird sich in Zukunft fortsetzen und verstärken“, sind sie sicher und glauben, "dass daher auch Schuldnerberatung „kultursensibler“ werden sollte".

"Schulden sind Schulden – sollte man meinen. Tatsächlich sehen wir deutliche kulturelle Unterschiede, wie Schulden entstehen, bewertet und gehandhabt werden. Da kommt etwa die Frau aus Somalia in die Beratung, die aus ihrer Handtasche unzählige Mahnungen eines Kommunikationsanbieters hervorkramt. Sie ist verzweifelt und versteht nicht, warum sie so viel Geld zahlen soll. Internetanschluss? Hat sie nicht bestellt, sie hat nicht mal einen Computer. Sie wollte doch nur einen günstigeren Telefonanbieter. Manchmal sind es mangelnde Sprachkenntnisse, die zum Problem werden. Die Menschen verstehen nicht, was sie unterschreiben. Unkenntnis des deutschen Vertragsrechts macht die Entstehung von Schulden für Migranten oft nicht nachvollziehbar. Aus ihren Herkunftsländern kennen sie eine andere Kultur des Geschäftemachens. Da bindet eher der Handschlag zwischen einander persönlich bekannten Geschäftspartnern als die Unterschrift unter einem mehrseitigen Papier mit viel Kleingedrucktem. Fehlendes Wissen auch zu eigenen Rechten als Verbraucher führt zudem zur Schutzlosigkeit gegenüber unseriösen oder betrügerischen Praktiken. So ziehen Drückerkolonnen gezielt durch Viertel, in denen viele Migranten leben. Sie geben sich als Abgesandte der Hausverwaltung aus und lassen die Menschen Papiere unterschreiben. Am Ende zahlen sie dann für etwas, was sie weder brauchen noch sich leisten können", beschreibt Bettina Krämer ihre Erfahrungen.

"Auch wenn Mahn- und Vollstreckungsbescheide ins Haus flattern oder der Gerichtsvollzieher sich meldet, kommen die Klienten zu uns in die Beratung. Häufiger als bei Menschen ohne Migrationshintergrund existieren jedoch bei Migranten neben Schulden aus Handyverträgen, Ratenkäufen und Krediten zusätzliche private Schulden. Diese entstehen aus einem Sys­tem gegenseitiger Hilfe. So werden zum Beispiel Kosten für eine Hochzeit oder die Gründung eines Hausstandes aufgebracht, indem das junge Paar sich Geld in der Familie und Verwandt­schaft leiht und anschließend über Jahre abstottert. Für die Schuldnerberatung ist es wichtig zu wissen, dass diese Schulden nicht wie andere Verbindlichkeiten, wie die beim Handyanbieter, behandelt werden können. Sie gel­ten bei den Betroffenen als „Ehrenschulden“, die unbedingt und vorrangig bedient werden müs­sen. Andernfalls würden Ehrverlust und Ausschluss aus familiären und verwandtschaftlichen Netzwerken drohen, die Absicherung in Notfällen bieten", erläutert Martina Braese.

"Die Herausforderung an eine „kultursensible“ Schuldnerberatung besteht darin, um solche kulturellen Besonderheiten zu wissen und sie zu berücksichtigen. Eine zentrale Rolle kommt dem Aufbau einer Vertrauensbeziehung zwischen Berater und Klient zu. Dies ist nicht immer leicht und erfordert Zeit. Wenn es aber gelingt, Vertrauen zu gewinnen, wenn einer verschul­deten Familie geholfen werden kann, werden wir nicht selten mit großer Dankbarkeit und Unmengen an Selbstgebackenem etwa zu den religiösen Festen überschüttet. Selbst ein halbes gekochtes Huhn hat schon den Weg in die Beratungsstelle gefunden", berichtet Bettina Krämer schmunzelnd.

Das Angebot einer kultursensiblen Sozialen Schuldnerberatung erfordert besonderes Wissen und spezifische Kompetenzen. Sie muss sich auf kulturelle Unterschiede einlassen und kann sich nicht darin erschöpfen, ein „Standardprogramm“ abzuspulen", betonen alle drei Beraterinnen abschließend. Für uns ist diese Herausforderung auf jeden Fall eine spannende und bereichernde Erfahrung.

2015 07 22 Schuldnerberaterinnen im BBC

(v.l.) Bettina Krämer, Martina Braese und Marion Lischka heißen ihre Klienten herzlich willkommen!